Reimar Lüst

Vom Schiffbau zur Erforschung der Sonne und des erdnahen Weltraums, so lässt sich kurz Reimar Lüsts wissenschaftlicher Werdegang beschreiben. Ursprünglich plante er Schiffbauer zu werden, bevor er sein Interesse an Physik und Mathematik entdeckte. Von besonderer Bedeutung sind Lüsts Forschungen über die Struktur des erdnahen Weltraumes. In diesen Versuchen wurden von Raketen Wolken des Erdalkalimetalls Barium mittels Verdampfung während der Dämmerung erzeugt. Durch die Sonnenstrahlung wurde das Bariumgas ionisiert, also ein Plasma erzeugt, und zum Leuchten angeregt.

Das Phänomen war von der Erde aus beobachtbar und ließ Rückschlüsse auf die Struktur der Hochatmosphäre, die dort herrschenden Strömungsverhältnisse und die Verteilung der dort vorhandenen elektromagnetischen Felder zu. Die Messungen mussten weltweit durchgeführt werden und brachten neben wertvollen wissenschaftlichen Erkenntnissen Hinweise für die Weltraumfahrt und die Nachrichtentechnik.

Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft studierte Lüst in Frankfurt Physik und promovierte 1951 bei Carl Friedrich von Weizsäcker, der am Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen tätig war. Die Jahre 1955 bis 1956 verbrachte er als Fulbright-Stipendiat an der University of Chicago und an der Princeton University. Drei Jahre später habilitierte er sich an der Universität München und lehrte anschließend daran als Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology sowie am California Institute of Technology. Ab 1960 war er auch Wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck- Instituts für Physik und Astrophysik, das er nach seiner Rückkehr, die 1962 erfolgte, von 1963 bis 1972 leitete.

Von 1962 bis 1964 baute er als Direktor die European Space Research Organisation (ESRO) auf und vertrat als Vizepräsident die BRD in den internationalen Gremien. Von 1969 bis 1972 bekleidete er den Vorsitz des deutschen Wissenschaftsrates und 1972 bis 1984 war er Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. 1984 bis 1990 arbeitete er als Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und trieb die Integration Europas in diesem industriepolitisch gewichtigen Sektor voran. Nach 1989 wurde Lüst in einer Zeit politischer Umwälzungen in das Amt des Präsidenten der Alexander von Humboldt-Stiftung berufen. Lüst wurde vielfach ausgezeichnet und ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften.