Erika Cremer

Erika Cremer studierte Chemie, Physik und Mathematik in Berlin und promovierte 1927 bei Max Bodenstein. In ihrer Dissertation, die Prüfung legte sie mit magna cum laude ab, stellte sie die Chlorknallgasreaktion durch ein Bildschema dar und leitete die Möglichkeit der Explosion durch Kettenverzweigungen ab. Deutung und Darstellung waren so neu, dass sich Bodenstein an einer Mitherausgeberschaft nicht beteiligte.

Der Petersburger Professor für Physikalische Chemie, Nikolaj N. Semenov (1896-1986), lud sie 1932 vergeblich zu einem Arbeitsbesuch ein. Semenov arbeitete auf diesem Gebiet weiter und erhielt gemeinsam mit Sir Cyril Norman (1897-1967) im Jahr 1956 den Nobelpreis für Chemie für die Erforschung und Aufklärung von Kettenreaktionen. 1944 entwickelte Cremer die Grundlagen einer neuen Analysemethode, der Adsorptionsgaschromatographie, die sie zusammen mit ihrem Dissertanten Fritz Prior (1921-1996) nach dem Krieg weiter verfeinerte. Die Adsorptionsgaschromatographie stellt eine Pionierarbeit dar, die heute weltweit anerkannt ist. Cremer war primär als Grundlagenforscherin tätig, doch erwiesen sich ihre Arbeiten über den Zerfall von Magnesiumkarbonat als außerordentlich wertvoll für die österreichische Magnesit-Industrie.

Im Jahr 1950 unternahm sie eine Studienreise in die USA und nach ihrer Rückkehr forcierte sie an der Innsbrucker Universität den Aufbau einer radiochemischen Abteilung durch intensive Förderung ihres Schülers Ortwin Bobleter (geb. 1926), der danach am Atominstitut der österreichischen Universitäten tätig war. Ihre Berufung 1940 als Frau an die Physikalische Chemie nach Innsbruck war für diese Zeit außergewöhnlich. Fast ihr ganzes Berufsleben lang hatte sie im Wissenschaftsbetrieb aber darunter zu leiden, dass sie eine Frau war.

Trotz hervorragender Leistungen mit über 200 Veröffentlichungen dauerte es im Vergleich zur Karriere von männlichen Kollegen sehr lange, bis sie von der Universitätsdozentin zur Außerordentlichen Professorin und dann zur Lehrstuhlinhaberin aufstieg. Erst im Alter von 59 Jahren erlangte Erika Cremer das Ordinariat für Physikalische Chemie. 1964 wurde sie zum korrespondierenden Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt und 1973 zum wirklichen Mitglied. Von anderen sich im Alter allmählich einstellenden Ehrungen bedeutete ihr das Ehrendoktorat der TU Berlin 1965 sehr viel. Cremer wurde im Jahr 1970 emeritiert.